Selbstverständnis von eVOCATIOn

Eine personorientierte Pädagogik

Das Weiterbildungsprogramm von eVOCATIOn baut auf einer personorientierten Pädagogik auf. Diese bietet sich als anthropologische Grundlage der (Hoch-)Begabtenpädagogik an, da sie die „Eigentümlichkeit“ (Friedrich Schleiermacher) des einzelnen Menschen und dessen Bildung in das Zentrum pädagogischen Denkens und Handelns stellt. Die Folge ist eine Abkehr von der Orientierung an der Klasse, an einem fiktiven Durchschnitt, am Lehrplan und eine Hinwendung zur Person des einzelnen Schülers / der einzelnen Schülerin als Ausgangs- und Bezugspunkt der pädagogischen Arbeit. Es geht darum, die einzelnen Schüler/ innen in ihren individuellen Potenzialen sowie als Subjekte ihrer je eigenen Bildungs- und Begabungsprozesse wahrzunehmen, zu begleiten und zu unterstützen. Eine personorientierte Pädagogik sieht die Schüler/innen zudem nicht nur als Individuen, sondern prinzipiell dialogisch und relational, – d. h. auf Beziehung angewiesen und zur Verantwortung aufgerufen: Verantwortung gegenüber sich selbst, aber auch gegenüber dem anderen, der Gesellschaft und in einem weiteren Sinn gegenüber der Menschheit und der Welt.

Somit stellen Autonomie und Eigensinn auf der einen sowie Dialog und Verantwortung auf der anderen Seite Dimensionen dar, die sowohl die Prozesse des Lehrens und Lernens als auch deren Ziele zur Entfaltung der Begabungen bestimmen.

Was ist (Hoch-)Begabung aus pädagogischer Sicht?

Aus pädagogischer Sicht ist (Hoch-)Begabung mehr als eine Disposition zu (herausragenden) Leistungen, auch mehr als ein bestimmtes Merkmal oder ein Talent, das zielgerichtet zu fördern wäre. Vielmehr wird von einer prinzipiellen Offenheit und Unbestimmtheit der Menschen ausgegangen, was ihre Zukunft und damit auch ihre Persönlichkeitsentwicklung betrifft. In dieser Perspektive wird angenommen, dass die einzelne Person an ihrer Bestimmung – und somit an dem, was aus ihrer Begabung wird – entscheidend selbst mitwirkt. Dementsprechend kann es bei der Frage der Begabtenförderung nicht nur um Maßnahmen zur Förderung einzelner Fähigkeiten gehen, sondern um die Ermöglichung umfassender Persönlichkeitsbildung. Es sollten ebenso nicht nur System-, Organisations-, Inhalts- oder Methodenfragen beachtet werden, auch wenn geeignete Zeiträume sowie bestimmte organisatorische und institutionelle Rahmenbedingungen erforderlich sind. Entscheidend ist vielmehr die Frage nach dem Anteil des Subjekts an seiner Bildung: Inwieweit ist jeder Schüler / jede Schülerin Autor/in seines bzw. ihres eigenen Lebens?

Pädagogische (Hoch-)Begabtenförderung versteht sich als Teil eines umfassenden Bildungsprozesses. Sie …

  • … ist eine differenzierende und an den Stärken der Schüler/innen orientierte Pädagogik, d. h. sie führt dazu, von der Defizit- zur Differenz- und Stärkenorientierung zu gelangen.
  • … hat mit noch nicht erkannten, unsichtbaren Potentialen bei Schüler/innen zu rechnen. Dies erfordert eine Haltung der Achtsamkeit, der genauen Beobachtung und letztlich auch des Vertrauens in die (ungeahnten) Möglichkeiten eines Kindes, die einmal Wirklichkeit werden könnten.
  • … ist mehr als Intelligenzförderung, zumal Intelligenz nicht direkt, sondern über die Beschäftigung mit Inhalten sowie durch die Auseinandersetzung mit Fragen und Problemstellungen gefördert wird.
  • … unterstützt nicht nur besonders begabte und hochbegabte Schüler/innen, sondern sie ist auf alle gerichtet und kommt allen zugute.
  • Im Zentrum einer personorientierten Begabungs- und Begabtenförderung stehen die Akteure, insbesondere die Schüler/innen und Lehrer/innen. Dazu zählen auch die Verantwortlichen in der Bildungspolitik und Schulverwaltung sowie die Schulleiter/innen, deren Aufgeschlossenheit und Unterstützung einer begabungsförderlichen Kultur in ihrer Institution unabdingbar ist.

Das Programm von eVOCATIOn ist vorwiegend an Lehrer/innen gerichtet. Sie haben einen, wenn nicht den entscheidenden Anteil am Gelingen oder Misslingen der Begabtenförderung. Ihre fachliche Kompetenz, ihre Einstellung und Haltung gegenüber dem Kind und dem Jugendlichen, die Bereitschaft und Fähigkeit zu Selbstreflexivität, zur Kritik und Weiterentwicklung der eigenen Person und Praxis erweisen sich als zentral.

Das Programm hat dementsprechend nicht nur eine Kompetenzerweiterung auf der Ebene professionellen Wissenserwerbs zum Ziel, sondern es geht von einem lebenslangen (Weiter-) Bildungsprozess aus, der die Lehrer/innen und alle an den pädagogischen Prozessen beteiligten Personen als Subjekte dieses Prozesses erkennt.